Die Kathedrale von Chartres

Die Kathedrale von Chartres

Chartres. Ein Ort, an dem sich Erde und Himmel berĂŒhren. Nicht erst seit dem 13. Jahrhundert, sondern bereits in vorchristlicher, keltischer Zeit und vielleicht noch viel frĂŒher.
Chartres ist die PrĂ€fekturhauptstadt des DĂ©partements Eure-et-Loir in Frankreich. Die Stadt liegt 90 km sĂŒdwestlich von Paris in einer großen Ebene inmitten von Weizenfeldern an der Eure, einem Nebenfluss der Seine. Die 38.840 Einwohner (Stand 1. Januar 2013) nennen sich „Chartrains“. Im Zentrum der Altstadt steht die berĂŒhmte Kathedrale Notre-Dame de Chartres.

Jedes Jahr am 21.Juni in der Mittagszeit trifft ein Sonnenstrahl durch eine kleine Öffnung im Glas des ersten Fensters der Westmauer des Querschiffes auf eine weiße Fliese, welche rechteckig, schrĂ€g gelegt, fest verankert und in die aus goldschimmernden Metall ein Zapfen eingelassen ist.
Alle FĂŒhrer machen auf die MerkwĂŒrdigkeit aufmerksam, in der man eine Laune, den Scherz eines Fliesenlegers, Glasmachers oder Baumeisters sieht. Ich denke, dies war mehr als eine Marotte. LĂ€ĂŸt ein Fliesenleger ein Loch in ein Glasfenster machen, um jedes Jahr kurzzeitig einen Stein zu sonnen? LĂ€ĂŸt ein Glasmacher einen Fliesenbelag Ă€ndern, um zu illustrieren, er habe in einem eben eingesetzten Fenster ein GlasstĂŒck vergessen? Ich meine, hier hat ein anderer Wille gewirkt.

Fliesenleger und Glasmacher waren einer Anweisung gefolgt, die dem Augenblick der Sonnenwende galt. Nur ein Astronom konnte die Anweisung gegeben haben! Auch die Verdrehung und der Standort der Fliese waren Absicht. Fast genau in der Mitte des Seitenschiffes auf der VerlĂ€ngerungslinie der sĂŒdlichen Mittelschiffmauer. Was ist das fĂŒr ein Hinweis?
Die Kathedrale von Chartres ist ein Geheimnis, wie die gotische Baukunst selbst ein Geheimnis ist. Um 1130 tritt sie plötzlich in Erscheinung, ohne VorlĂ€ufer, ausgereift und vollendet. Am merkwĂŒrdigsten ist allerdings, daß sich plötzlich Baumeister, Bauleute und Handwerker genug finden, um in weniger als hundert Jahren ĂŒber achtzig gewaltige Bauwerke zu errichten! Darunter zĂ€hlen die ehemalige Klosterkirche von St. Denis (1137), Notre-Dame de Paris (1163), Notre-Dame de Chartres (1194), Reims (1211) und Amiens (1218) in Frankreich. Außerhalb Frankreichs die Kathedrale von Wells in England (1180), der Limburger Dom (1175), Magdeburger Dom (1209), Liebfrauenkirche in Trier (1230), Elisabethkirche in Marburg (1235) und der Kölner Dom (1248) als Beispiele aus Deutschland. Alle diese Kathedralen wurden im gotischen Baustil erbaut. Die BlĂŒtezeit der Gotik fĂ€llt mit der des Templerordens zusammen. Beide gehen auch zugleich unter. Was von der Gotik ĂŒbrig bleibt, ist nur mehr ihre Technik.

ZurĂŒck zur Kathedrale von Chartres. Auch ihre geografische Lage ist merkwĂŒrdig. Die Erbauer beabsichtigten gewiss nicht, die flache Landschaft mit einem Kirchturm zu beleben. Es ist weder Zufall noch kĂŒnstlerischer Einfall, daß die Kirche dorthin gebaut wurde, wo sie steht, kein Zufall, wenn sie in eine Himmelsrichtung weist, die fĂŒr eine katholische Kirche ungewöhnlich ist. Die Kathedrale ist in sĂŒdwestlich-nordöstlicher Richtung angelegt, nicht wie ĂŒblich westlich-östlich. Die VerhĂ€ltnisse zwischen LĂ€nge, Breite und Höhe hat nicht der gute Geschmack bestimmt, sondern sind das Ergebnis einer Notwendigkeit die von außen an die Bauherren herantrat und der sie gehorchen mußten. Der ganze Bau beruht auf besonderen ZahlenverhĂ€ltnissen, deren Ursprung erst in AnsĂ€tzen geklĂ€rt ist. Den gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen und rationalen BegrĂŒndungen stehen stets auch esoterische Ansichten gegenĂŒber. Der Boden steigt vom Westportal her auf einer LĂ€nge von etwa acht Metern leicht an. Angeblich soll dies bei der Reinigung der Kirche nach großem Pilgeransturm den Abfluss des Wassers erleichtert haben. Diese ErklĂ€rung muss jedoch als unwahrscheinlich bezeichnet werden. Alles bis ins kleinste Detail hat seinen Platz bekommen, um von dort auf den Menschen zu wirken, bis hin zum Labyrinth und zu jener Fliese, die zur Johannizeit von der mittĂ€glichen Sonne beschienen wird.

Viele verschlungene Wege kennt mein Leben, und doch wird jeder Schritt und jede Regung auch durchstrahlt von der Herrlichkeit des Lichtes.

Allein in Nordfrankreich waren zur gleichen Zeit zwanzig große Kathedralen im Bau. Woher kamen die vielen Baumeister, das viele benötigte Geld und vor allem das nötige Wissen? Die damalige Weltgeistlichkeit besaß weder solche Wissenschaft noch solche Mittel. Die großen Mönchsorden behielten alles ihren eigenen Abteien vor. Welche Organisation steckt also dahinter und warum bauten sie eine so herrliche und mĂ€chtige Kirche ausgerechnet in Chartres? Steht diese Kathedrale etwa an einem besonderen Ort?
Chartres war bereits in vorchristlicher Zeit ein Walfahrtsort. Ein heiliger Platz. In einer Höhle soll die sogenannte „schwarze Madonna“ gefunden worden sein. In der Krypta steht die Kopie des in der Revolutionszeit verbrannten Originals und unter ihr liegt ein aus gallisch-römischer Zeit stammender 33 Meter tiefer Brunnen. Die Kathedrale wurde ĂŒber einem „Dolmen“-Stein (eine heilige KultstĂ€tte der Druiden) erbaut. Der Name des HĂŒgels, auf welchem die Kathedrale heute steht ist Lieu des Saints forts (StĂ€tte der starken Heiligen), noch frĂŒher wurde er Lieu de forts genannt (StĂ€tte der Starken), wobei „fort“ auch als „Eingeweihter“ ĂŒbersetzt werden kann.
Noch ein Wort zur geografischen Lage. Die französischen Kirchen unter Schutz und Namen Notre-Dame (Marienkirche) bilden auf dem Erdboden fast genau die Konstellation des Sternbildes Jungfrau nach.

Nun haben wir ein wenig die geografische Lage erörtert, auf Geometrie und Akustik möchte ich heute nicht eingehen, dies wĂŒrde an dieser Stelle einen zu detaillierten Vortrag zur Folge haben.
Stattdessen werde ich noch auf das Licht und die ausfĂŒhrenden Bruderschaften eingehen.

Mit dem Geheimnis des Lichtes begeben wir uns jetzt auf ein Gebiet, das von der alten Wissenschaft besonders geheim gehalten wurde, und ĂŒber das wir bis auf den heutigen Tag wenig wissen; es ist dies die Kunst der gotischen Glasfenster, das Licht in der Kathedrale.
Diese Art von Glas wurde nur in der kurzen Zeitspanne der Hochgotik angewendet. Indem es das Licht bÀndigte und ihm zugleich diente, wirkte es weniger durch die Farbe des Glases als durch eine gewisse, nicht analysierbare QualitÀt der Farbe und des Glases. Das Glas reagiert auf das Licht nicht wie normales Fensterglas; es scheint zum Edelstein zu werden, der das Licht nicht völlig durchlÀsst, sondern selber leuchtend wird.
Selbst unter der ungehemmten und zuweilen brutalen Einwirkung der Sonne projiziert das Glasfenster nicht, wie es normales gefĂ€rbtes Glas tut, seine Farbe auf den Boden, sondern lĂ€sst nur eine diffuse Helligkeit durchscheinen. Von der StĂ€rke oder TrĂŒbung des Tageslichts unabhĂ€ngig, leuchtet es in der DĂ€mmerung nicht schwĂ€cher als am hohen Mittag.
Bis zum heutigen Tag konnte noch keine chemische Analyse das Geheimnis der gotischen Fenster erklÀren.
Wie die Gotik, tauchte diese Art des Glases im ersten Viertel des 12. Jahrhunderts plötzlich auf und verschwindet ebenso plötzlich gegen die Mitte des 13. Jahrhunderts wieder.
Wie die Gotik beruht auch das Glasfenster auf einer eigenen Wissenschaft; es ist ein Werk der Alchimie. Die Glasmacher, die das Glas von Chartres herstellten, waren keine Laborlehrlinge. Sie wussten genau was sie taten!
Es bleibt ihr Geheimnis, wie sie die Glasmasse bearbeiteten und was fĂŒr ZusĂ€tze hinzugefĂŒgt wurden, um den Effekt zu erreichen, dass immer die gleiche StĂ€rke von Licht ins Innere der Kathedrale von Chartres dringt; ob bei grellem Sonnenschein oder bei bewölktem Himmel!
Wie in allen Marienkirchen wurde auch in der Kathedrale von Chartres der Alchimie besonders gehuldigt. Zeichen dafĂŒr waren die Fensterrosen, deren Chiffren wir im Einzelnen nicht zu entschlĂŒsseln vermögen. Auch die Lanzettfenster unter der Rose des Eingeweihten-Portals weisen auf bekannte Adepten des Alten Testamentes hin; in ihrer Mitte befindet sich die schwarzgesichtige heilige Anna, die die Lilie trĂ€gt. Da ist Melchisedek, der chaldĂ€ische Magier, der dem Abraham den heiligen Kelch mit dem Gral reicht – Aaron, der Ă€gyptische Magier, der „Bruder“ des Moses, der in der WĂŒste das Goldene Kalb verfertigte – David, der königliche Musiker, den die die Tafeln aller Wissenschaft enthaltene Bundeslade inspirierte – Salomon, der Erbauer des Tempels von Jerusalem, der weiser war als der in aller Weisheit der Ägypter unterrichtete Moses und der unter dem Namen des Hohen Liedes eine Einweihungsschrift hinterlassen hat. Man möchte nicht aufhören, ĂŒber die Farben der Glasfenster von Chartres und ĂŒber die Harmonie, die ihre Komposition leitet, zu staunen.
Nicht alle Glasfenster von Chartres sind alchymischen Ursprungs. Viele sind zerstört worden, vor allem die hohen Chorfenster, die einem Bischof zum Opfer fielen, der sich im Tageslicht bewundern lassen wollte. Gewiß hat allein der Klerus in Chartres mehr verdorben als Hugenotten und RevolutionĂ€re.
Wenden wir uns nun den Bruderschaften zu, welche am Bau der Kathedrale beteiligt gewesen sein sollen. Die Kathedrale von Chartres ist von Menschen aufgefĂŒhrt worden, die ĂŒber eine besondere Ausbildung verfĂŒgten. Die Werkleute der BauhĂŒtte haben auf den Steinen, die sie zurichteten, auf drei Balken, die sie zusammenfĂŒgten, Erkennungszeichen hinterlassen, eingegrabene Signaturen. Es ist bekannt, daß die Bauleute in Kumpaneien, in Bruderschaften miteinander verbunden waren. Drei solche Bruderschaften hat es gegeben: Les Enfants du Pere Soubise (die Kinder des Vater Soubise), Les Enfants de Maitre Jaques (die Kinder des Meister Jakob) und Les Enfants de Salomon (die Kinder Salomons). Sie sind nicht ganz verschwunden; ihre Erben sind heute unter dem Namen Compagnons des Devoirs du Tour de France bekannt, eine Bezeichnung, die aus dem 19. Jahrhundert stammt. Einige scheinen eine Einweihungstradition bewahrt zu haben, andere nicht. Alle aber hĂŒten die Tradition des Handwerks, sind vom Adel des Handwerks durchdrungen und lehren den Gehorsam gegen das Werk, dem man sich verpflichtet hat.
Compagnons sind Menschen, die dasselbe Brot teilen und den Zirkel zu gebrauchen wissen. Sie haben Zugang zu gewissen geometrischen Harmoniegesetzen. In der Zeit des Templerprozesses machten die Beamten Phillips des Schönen Jagd auf sie; von den ZĂŒnften wurden sie verboten. Damals nahmen sie den Namen Compagnons des Devoirs an und tauchten unter. Erst als die Französische Revolution die ZĂŒnfte aufhob, kehrten sie ins öffentliche Leben zurĂŒck. Sie verstĂ€ndigen sich untereinander durch die Worte und Zeichen einer Geheimsprache. Ihre Tradition ist lebendig geblieben, z.B. drĂŒckt sie sich aus in der Stufenfolge Lehrling-Geselle-Meister. Sie haben es immer abgelehnt beim Bau von Festungen und GefĂ€ngnissen mitzuwirken.

Von den drei vorhin genannten Bruderschaften ist es sehr wahrscheinlich, dass die Kinder Salomons nicht nur fĂŒr den Bau der Kathedrale von Chartres verantwortlich sind, sondern auch einer Reihe anderer Marienkathedralen, vor allem Reims und Amiens. Hier die GrĂŒnde: Offenbar haben die Kinder des Meister Jakob bis zu ihrem Untertauchen vor allem in Aquitanien gewirkt. Ihre Kirchen, die mit dem Monogramm Christi und der Lanze oder mit einem keltischen Ringkreuz geschmĂŒckt sind, stehen – einige wenige ausgenommen – im SĂŒden Frankreichs und zeigen einen unverwechselbaren Stil. Die Kinder des Vater Soubise dagegen waren als Benediktiner eher der Romanik zugewandt; im ĂŒbrigen weichen die Signaturen der romanischen Baumeister stark von denen der gotischen Baumeister ab, auch wenn die Bauten zur gleichen Zeit entstanden.
Es kommen eigentlich nur die Kinder Salomons in Frage. Es muß sich um eine Bruderschaft geistlicher Bauleute gehandelt haben, die parallel mit der GrĂŒndung des Templerordens ins Leben gerufen worden ist. Bis zum Erwerb der Privilegien gehörte ihr Schutz wahrscheinlich zu den Aufgaben des Templerordens. Der Name Salomon darf dabei als zusĂ€tzlicher Hinweis gelten. Waren sie vielleicht selbst Templer – oder waren sie dem Orden assoziiert?
Die Bruderschaft der BrĂŒder Salomons scheint ihre Bauwerke durch den systematischen Gebrauch eines Pfeilers gekennzeichnet zu haben, der VorsĂ€ulen besitzt. Zweifellos ist dies nicht eine neue Erfindung – den BĂŒndelpfeiler gibt es schon in romanischen Bauten – , aber in Chartres (auch in Amiens und Reims) wird er durch eine besondere Proportion charakterisiert. Vergleicht man nun die Anordnung und Form dieser Pfeiler mit den ErkertĂŒrmen klassischer Templerbauten (der Hauptturm ist von vier kleinen TĂŒrmen umgeben), dann ist die Beziehung offensichtlich.
Noch etwas mag als Hinweis dienen: In den Portalen von Reims, Amiens und Chartres (hier am Königsportal) findet sich ĂŒbereinstimmend das Motiv der zwei Ritter, die hinter einem Schild stehen, der das charakteristische Karfunkelsymbol trĂ€gt. (Schildwappen: von dem Karfunkelstein in seiner Mitte gehen acht Strahlen aus, die als Lilien enden.) Man beachte das die Templer gehalten waren, paarweise unterwegs zu sein und das der Karfunkel ein alchymisches Symbol ist.

Die wahre Gotik, die zur gleichen Zeit wie der Templerorden entsteht, verschwindet mit ihm. Gleiches gilt fĂŒr das Glas der Fenster. Muß man nicht folgern, daß die Schöpfer dem Orden vom Tempel Salomons angehörten und mit ihm verschwanden?

Sinnbildlich und teilweise wörtlich ĂŒbernommen aus:

  • Louis Charpentier „Die Geheimnisse der Kathedrale von Chartres“
  • Wikipedia
  • http://transinformation.net/die-templerkathedrale-von-chartres